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Liebe bloq-Leser*innen,

wir hoffen, 2026 meint es bisher gut mit euch! Einige von euch haben uns am Mittwoch ja auf unserem Ausflug in die Tiefen des Strabismus begleitet und es freut uns sehr, dass unsere Vortragsreihe so gut bei euch ankommt. Auch im Februar unternimmt bloq wieder einen Ausflug in die Randgebiete der Wissenschaft und packt diesmal ein ganz heißes Eisen an: „Arthropodic Empire – Wie Gliederfüßer nach der Weltherrschaft streben“ lautet der Titel des Vortrags, den ihr euch am Mittwoch, 25. Februar, um 20 Uhr im Café Cohrs anhören könnt.

In diesem Newsletter sprechen wir mit Musiker Thomas Siffling über die Stimmung bei Mannheimer Kulturschaffenden angesichts der kommunalen Finanzkrise, wir schauen uns kopfschüttelnd die Zahl der dauerhaft geschlossenen Bäder in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an und sind entsetzt darüber, dass die Heidelberger Burschenschaft Normannia offenbar weitermachen will.

Eure bloq-Redaktion


"Kultur rechnet sich" – davon ist Musiker Thomas Siffling überzeugt. In Mannheim hängen rund 2.000 Arbeitsplätze an der Branche. Foto: Siffling Productions
INTERVIEW

„Kultur ist Teil unserer Identität“

Die kommunale Finanzkrise hat auch Mannheim hart getroffen. Die Stadt muss sparen, die Kultur bangt – und viele fragen sich, was die geplanten Kürzungen konkret bedeuten. Der Musiker und Jazzclubbetreiber Thomas Siffling ist Mitinitiator der Studie „Kultur rechnet sich“, die im Herbst von Mannheimer Kulturinstitutionen vorgestellt wurde. Im Gespräch wünscht er sich eine offene und ehrliche Diskussion über die Förderung und erklärt, warum sich Kultur am Ende doch rechnet.

Die Stadt plant, dass alle Dezernate bis 2028 jedes Jahr fünf Prozent einsparen müssen. Davon wird auch die Kultur betroffen sein. Wie wirkt das auf dich?
Natürlich verstehe ich, dass Kommunen in schwierigen Zeiten sparsam sein müssen. Aber ehrlich gesagt muss man sich die Ausgaben näher anschauen. Man müsste grundsätzlicher fragen: Was macht eine Stadt lebenswert? In Mannheim – einer Stadt, die nicht München, Hamburg oder Berlin ist – sind Sport, Einzelhandel und vor allem Kultur entscheidend für Attraktivität. Darüber hinaus ist Kultur Teil der Bildung, Teil unserer Identität. Sie schafft Orte, an denen Menschen zusammenkommen, ohne dass es gleich polarisiert. Das ist heute wichtiger denn je.

Trotzdem gilt Kultur als „freiwillige Leistung“ – und landet damit automatisch auf der Sparliste …
Ja, und das ist tragisch. Denn genau diese kulturelle Vielfalt macht Mannheim aus. Aber klar: Die Politik darf gesetzlich dort sparen, wo Leistungen freiwillig sind. Das führt zu einem Dilemma für alle Beteiligten – und zu einer enormen Unsicherheit in der Szene.

Meinst du damit die fehlende Planungssicherheit, über die viele Kulturschaffende klagen?
Ja, für eine kreative Branche ist Unsicherheit Gift. Viele arbeiten ohnehin am Limit, oft am Rande der Selbstausbeutung. Wenn dann jedes Jahr unklar ist, ob eine Förderung weiterläuft, kostet das extrem viel Energie.

Muss man in einer solchen Situation nicht auch darüber nachdenken, wie die knapper werdenden Gelder verteilt werden?
Ganz sicher, und das transparent und ehrlich. Ob jemand eine Förderung bekommt, hängt oft an Traditionen, Netzwerken und Lobbyarbeit. Ich finde: In Zeiten knapper Kassen braucht es Kriterien, die klar und deutlich formuliert und transparent sind. Zum Beispiel: Welche Relevanz hat ein Projekt? Für die Stadtgesellschaft? Für die Bildung? Für das Image der Stadt? Das muss man offen diskutieren – ohne gleich den Vorwurf zu erheben, man wolle jemandem etwas wegnehmen.

Heißt das, auch große Institutionen müssten sich stärker erklären?
Grundsätzlich ist es erst einmal egal, ob klein oder groß – wer öffentliche Gelder bekommt, sollte zeigen können, warum sie nötig und gerechtfertigt sind. Und zwar auf Basis nachvollziehbarer Kriterien.

Ihr habt kürzlich eine Studie zur wirtschaftlichen Bedeutung der Mannheimer Kultur mit initiiert. Was war die Idee dahinter?
Die Diskussion um Umwegrentabilität ist alt – wir wollten Zahlen auf den Tisch legen. Und die sind beeindruckend: Rund 2.000 Arbeitsplätze hängen in Mannheim an der Kultur, und die Branche generiert fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz. Menschen gehen ins Konzert, essen in Restaurants, übernachten in Hotels. Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor – Punkt. Viele sehen nur die Kosten, übersehen aber die Einnahmen, die Kultur generiert.

Du sprichst auch die Wirtschaft an. Müsste sie mehr tun?
Auf jeden Fall. Unternehmen profitieren enorm von einer attraktiven Region. Dann sollten sie auch ein Interesse daran haben, diese Attraktivität zu erhalten. Aber nicht nur mit Schecks. Es geht darum, Modelle zu entwickeln, die beiden Seiten etwas bringen – echte Partnerschaften statt bloßer Logos auf Plakaten.

Manche fürchten, dass Sponsoren Einfluss auf Inhalte nehmen könnten …
Diese Angst halte ich für übertrieben. Firmen haben gar nicht die Zeit, so tief einzusteigen. Und selbst wenn: Einfluss ist nicht automatisch etwas Negatives. Und am Ende bleibt es eine freie Wahl, ob man Geld annimmt oder nicht.

Warum ist die Diskussion über das Thema deiner Meinung nach so schwierig?
Weil die Angst groß ist – vor Kürzungen, davor, etwas Falsches zu sagen, oder es sich mit mächtigen Institutionen zu verscherzen. Aber genau das blockiert uns. Wir brauchen endlich eine offene, sachliche Debatte darüber, wie Kultur finanziert wird, was sie leistet und wie wir sie zukunftsfähig machen. Kultur ist kein Luxus. Sie ist der Ort, an dem eine Stadt ihre Seele zeigt.
ZAHL DES MONATS

84

… Bäder sind in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz laut dem Portal “Bäderleben” dauerhaft geschlossen. Im Laufe des Jahres wird sich die Zahl mit Sicherheit noch weiter erhöhen, allein aus Mannheim kommen zwei weitere Bäder auf die Liste. Das Hallenbad in Seckenheim soll schließen und auch im Herschelbad stellt die Stadt den Badebetrieb ein, zu hoch sind die Kosten für eine Sanierung. Sie werden auf bis zu 60 Millionen Euro geschätzt. Sobald das neue Kombibad im Herzogenried öffnet, schließt das Bad in den Quadraten.

Eine gefährliche Entwicklung: Laut einer Umfrage der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) konnte bereits 2022 jedes fünfte Kind im Grundschulalter nicht schwimmen – die Zahl hat sich seit 2017 verdoppelt. Und mehr als die Hälfte der Kinder sind keine sicheren Schwimmer. Mit der Zahl der geschlossenen Bäder werden auch diese Zahlen weiter steigen. Zwar soll das neue Kombibad viel Platz für Schulen und Vereine bieten – doch wenn sie allein für die Anfahrt eine komplette Schulstunde einplanen müssen, bringt das den Schulen wenig.
KOMMENTAR

Grüße von rechts

Nach einem antisemitischen Vorfall hatten die Alten Herren die durch ihre Nähe zum Rechtsextremismus berüchtigte Burschenschaft Normannia in Heidelberg aufgelöst (bloq berichtete). Aber sie scheint zurück zu sein – eine ernstzunehmende Gefahr, findet Maxim Flößer.

Zwei Bilder auf Instagram. Auf dem einen: ein Kristallglas, eine Zigarre, rechts davon eine Burschenschaftskappe mit schwarz-rot-goldenem Streifen, der Coleur des Bundes und der berüchtigten Deutschen Burschenschaft (DB). Das zweite Bild: die Villa „Stückgarten“ unter blauem Heidelberger Himmel – Burschenschaftssitz und Ort rechtsextremer und antisemitischer Entgleisungen der Normannia. Die Heidelberger Burschenschaft Normannia scheint zurück, zumindest deutet darauf das Instagram-Profil hin, in dessen Beschreibung steht: „Wieder aktiv seit SoSe [Sommersemester] 2025“

Beide Fotos postete der Profilbetreiber zwar schon Anfang Juni auf Instagram. Lange blieb das allerdings weitgehend unbemerkt, die Followerzahl ist klein bislang, und seitdem nichts weiter passiert auf dem Profil. Heidelberger Medien, unter anderem die Studierenden-Zeitung „ruprecht“, berichteten im Januar über die Rückkehr der Burschenschaft. Auch auf der Homepage tritt die Normannia wieder unter altem Namen und mit altem Wahlspruch auf: „Ehre-Freiheit-Vaterland“.

Wenn die Normannia tatsächlich weitermacht, ist das eine ernstzunehmende Gefahr. Denn die jüngere Vergangenheit hat sehr eindeutig gezeigt, wer in dieser Burschenschaft zusammenkommt: Die Normannia machte 2020 bundesweit Schlagzeilen. Mitglieder hatten einen Gast auf einem Stiftungsfest ausgepeitscht, geschlagen und mit Geld beworfen, weil seine Großmutter jüdisch war. Nach Recherchen der Autonomen Antifa Freiburg kam der Vorfall an die Öffentlichkeit und landete 2021 vor Gericht.

Dort folgte ein Schmierentheater, es gab Falschaussagen, man verstrickte sich in Widersprüche. Prozessbeobachter*innen der Antifaschistischen Initiative Heidelberg (AIHD) beschrieben das Verhalten damals als einen peinlichen Versuch, das Ansehen der Burschen zu wahren. Anfang vergangenen Jahres wurden drei Burschenschaftler zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Vier Jahre nach Prozessauftakt und nach abgewiesener Revision am Oberlandesgericht Karlsruhe.

Man macht es sich zu leicht, wenn man jetzt abwinkt. Sich sagt, die Normannia habe so viel Schaden davongetragen, dass sie nie wieder zu dem werden kann, was sie mal war: Treffpunkt für die Identitäre Bewegung, sicherer Hafen für rechtsextremes Gedankengut und Brutkammer für politisch motivierte Gewalttaten wie den Überfall auf das linke Zentrum „Ewwe Longt’s“ 2019 in Mannheim.

Aber mit ihrer Rückkehr hätten Rechtsextreme in der Region wieder einen Anlaufpunkt mehr. Dass die Normannia nicht einmal ihren Namen ändert, wie die Alten Herren das geplant hatten, lässt vermuten, wie wenig Interesse daran besteht, die Vorfälle aufzuarbeiten. Stattdessen präsentiert man sich selbstbewusst: Grüß’ euch Kameraden, da sind wir wieder, rechnet mit uns. Auch das ist ein gefährliches Zeichen.

Und möglicherweise ist es der politische Zeitgeist, der den Burschenschaftern so viel Sicherheit vermittelt. Warum soll man sich eine neue Couleur geben, wenn einem das braune Kleid so vortrefflich steht? Vor allem wenn diese Farbe, kombiniert mit AfD-Blau, aktuell in Mode ist? Bei der AfD werden manche sich sicherlich über die Rückkehr der Normannia freuen, immerhin gelten Burschenschaften als Rekrutierungs- und Vernetzungsstätte für die Rechten und Rechtsextremen.

In Heidelberg regt sich Widerstand gegen die Normannia – und auch darauf kommt es jetzt an: hinzuschauen und unter Umständen Alarm zu schlagen. Die Grüne Jugend und die Jusos veröffentlichten auf Instagram Statements gegen die Rückkehr der Burschenschaft, die Rhein-Neckar-Zeitung berichtete. Auch bloq wird weiterhin ein Auge auf die Normannia haben.

Foto: Villa Stückgarten in Heidelberg, Maximilian Borchardt

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