|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Correctiv, den Namen habt ihr sicher schon gehört: Das Medienhaus ist für seine investigativen Recherchen bekannt und war vor allem 2024 bundesweit im Gespräch, als es über ein Treffen von AfD-Politikern, Rechtsextremen und Unternehmern in Potsdam berichtete. Dort sei über die Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland gesprochen worden, deckten die Journalist*innen auf. Über Wochen gingen Menschen auf die Straße, um gegen die Neue Rechte zu demonstrieren.
|
Wir von bloq schätzen die Arbeit von Correctiv sehr: Das Team hat ein Netzwerk für Lokaljournalismus aufgebaut und unterstützt darüber Journalist*innen im ganzen Land bei ihren Recherchen. Davon profitieren wir immer wieder. In diesem Newsletter zum Beispiel beziehen wir uns gleich zweimal auf Recherchen der Kolleginnen und Kollegen.
|
Diesmal geht es um die Frage, wie sauber unsere Flüsse wirklich sind. Wir erfahren, ob es sich eine Pflegefachkraft noch leisten kann, in unseren Städten zu wohnen. Und wir fragen uns: Wie weit darf grüne Realpolitik in Baden-Württemberg gehen?
|
|
Startet gut in den April,
|
|
|
|
|
|
|
|
Welche Chemikalien wohl im Rhein schwimmen? Keiner weiß es. Und die Firmen, die es wissen müssten, schweigen. Foto: Sarah Weik
|
|
|
|
„Wir investieren sehr viel Zeit und Geld, um Stoffe zu finden, die die Industrie längst kennt“
Seit zehn Jahren kämpft Edingen-Neckarhausen gegen einen unsichtbaren Feind im Trinkwasser: gegen Trifluoracetat (TFA), eine Ewigkeits-Chemikalie. 2016 wurden bei einer Probe Konzentrationen festgestellt, die weit über dem Grenzwert lagen. Der Verursacher war bald gefunden: die Chemiefirma Solvay in Bad Wimpfen. Sie leitete den fortpflanzungsgefährdenden Stoff jahrelang in den Neckar, mehrere Kilo pro Stunde – völlig legal. Und wer weiß schon, was die BASF, Bayer oder Thyssenkrupp Tag für Tag in den Rhein einbringen?
|
|
Correctiv wollte zuletzt genauer wissen, welche Chemikalien im Rhein schwimmen. Auf Einladung des Rechercheteams hin berichtete Professor Werner Brack, Umwelttoxikologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, auch uns von mangelnder Regulierung und mauernden Industrieunternehmen.
|
|
|
Deutsche Flüsse gelten doch eigentlich als sehr sauber. Stimmt das denn gar nicht, Herr Brack?
|
Jedenfalls ist kein Gewässer in Deutschland unbelastet. Nahe der Quelle sind Flüsse relativ sauber. Und wir hatten Zeiten, etwa die 80er, da waren die Flüsse im Land viel belasteter mit Giftstoffen. Damals lagen Fische auch schon einmal bäuchlings im Wasser und Arten gingen massiv zurück. Beim Sandoz-Unfall in Basel flossen 1986 mehr als 20 Tonnen eines giftigen Pflanzenschutz-Gemischs mit dem Löschwasser in den Rhein. Die Lage hat sich stark verbessert – aber gut ist sie deshalb noch lange nicht.
|
|
Wenn das so ist: Warum weiß man so wenig darüber, welche Schadstoffe in unseren Gewässern schwimmen?
|
Weil es sehr komplex, sehr aufwendig und sehr teuer ist, die Stoffe zu erforschen: Täglich gelangen neue auf den Markt – und damit auch in die Umwelt. Weil sie dort reagieren, beispielsweise durch den Einfluss des Sonnenlichts, entstehen daraus weitere Stoffe. Gleichzeitig gibt es ganz unterschiedliche Arten, wie sich diese Chemikalien auf einen Organismus oder auf den menschlichen Körper auswirken. Das heißt: Um valide Aussagen darüber zu treffen, müssten wir uns für jeden Stoff anschauen, wie er auf verschiedene Lebewesen wirkt. Das würde einen riesigen zeitlichen und finanziellen Aufwand bedeuten.
|
Von welchen gesundheitlichen Folgen für den Menschen sprechen wir denn zum Beispiel? Chemikalien haben hormonelle Wirkungen, sie können die Fortpflanzung und Entwicklung beeinflussen, tragen zu Adipositas bei und vieles mehr. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass sich diese Chemikalien auf Entwicklungen des Nervensystems auswirken. Nehmen wir die zunehmenden Entwicklungsstörungen wie Autismus, Lernschwäche, Verhaltensauffälligkeiten: Diese Zunahme an diagnostizierten Fällen ist zwar nicht nur auf Schadstoffe in der Umwelt zurückzuführen. Aber Studien belegen gut, dass es da eine Verbindung gibt.
|
|
Warum werden dann nicht viel mehr Stoffe verboten?
|
Es gibt Verbote. Aber sie beziehen sich meist auf einzelne Chemikalien. Das Problem ist: Diese Stoffe werden dann durch andere ersetzt, die oft gar nicht so viel besser sind. Das gilt zum Beispiel für PFAS, sogenannte Ewigkeits-Chemikalien. Hier versuchen die Behörden deshalb inzwischen, die ganze Stoffgruppe zu verbieten. Das ist ein guter Ansatz. Ansonsten sollten Chemikalien erst auf den Markt kommen dürfen, wenn sie umfassend getestet und nicht persistent sind. Das bedeutet: Sie sollten in kurzer Zeit auch wieder aus der Umwelt verschwinden.
|
|
In unserem Verbreitungsgebiet wurde 2016 zufällig eine alarmierend hohe Konzentration der PFAS Trifluoracetat im Trinkwasser entdeckt. Eine Chemiefirma hatte sie gut 60 Kilometer entfernt in den Neckar geleitet. Allerdings war das ja nicht einmal illegal.
|
Ja, die gesetzlichen Regeln und Grenzwerte hinken der Industrie um Jahre hinterher. Die politischen Prozesse sind viel zu langsam.
|
|
Correctiv hat Wasserproben aus der Schweiz, bei Köln und in den Niederlanden untersuchen lassen. Das Labor hat im Rhein hunderte unbekannter Substanzen nachgewiesen. Können Sie Konkreteres über die Stoffe in deutschen Flüssen sagen?
|
Legt man seinen Analysen die EU-Wasserrahmenrichtlinie zugrunde, werden Gewässer gerade einmal auf 45 – in Zukunft sehr wahrscheinlich 70 – sogenannte Prioritäre Schadstoffe untersucht. Wenn wir vom Umweltforschungszentrum gezielt nach bestimmten Chemikalien suchen, prüfen wir auf 1.000 unterschiedliche Stoffe. Es gibt aber eben noch viele Tausend mehr. Das Ärgerliche ist: Wir investieren sehr viel Zeit und Geld, um Stoffe zu finden und zu erforschen, die die Industrie längst kennt.
|
|
Die Unternehmen geben sich zugeknöpft bei dem Thema?
|
Wenn wir dort nachfragen, bekommen wir keine Auskunft, die Firmen schieben rechtliche Hürden und Datenschutz vor. Eigentlich müsste man den Prozess umkehren: Es dürften nur Stoffe auf den Markt kommen, die ausreichend getestet sind. Das würde Innovationen bremsen, sicherlich. Aber es wäre besser für die Gesundheit der Menschen und für die Umwelt. Die EU versucht, die Industrie für sauberes Wasser in die Verantwortung zu nehmen: Wer den Schaden verursacht, soll auch entsprechend Kosten übernehmen.
|
|
Ist die Chemikalienbelastung ein grundsätzliches Problem in deutschen Gewässern – oder betrifft sie vor allem Flüsse, an denen Industrie angesiedelt ist?
|
Ab bestimmten Konzentrationen haben empfindliche Arten Schwierigkeiten, sich gegen die robusteren Arten durchzusetzen. In den großen Gewässern, wo viele Einleitungen zusammenkommen, aber auch verdünnt werden, sind wir überall deutlich über diesen Konzentrationen. Das verändert die Ökosysteme und verringert die Biodiversität. Akute Fischsterben sind hier selten geworden, aber sie kommen vor, wie das Beispiel an der Oder von 2022 zeigt. Akut toxische Konzentrationen treten heute eher in kleineren Flüssen auf, die die Last von intensiver Landwirtschaft, Industrie oder größeren Städten tragen.
|
|
Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen: Die bloq-Leser*innen leben an Rhein und Neckar. Hier sind die BASF und viele andere Industrieunternehmen angesiedelt. Sollten die Menschen in der Region mehr Sorge haben, was die Schadstoffbelastung angeht?
|
|
Eine hohe Industriedichte führt natürlich häufig dazu, dass Gewässer stärker mit Schadstoffen belastet sind. Das kann sich jeder vorstellen. Auch die Vielfalt an Stoffen kann höher sein, etwa wegen Nebenprodukten aus der Produktion, also Stoffen, die so gar nicht auf den Markt kommen. Es ist aber ohnehin immer Vorsicht geboten, das gilt für die Industrie und die Landwirtschaft genauso wie für uns Verbraucher: Brauchen wir all die hochgiftigen Biozide und Pestizide wirklich? An unseren Fassaden gegen Algenbewuchs? Im Garten gegen Blattläuse? Oder auf unseren Haustieren gegen Flöhe? Ich bin mir da nicht sicher.
|
|
|
|
1.584
… Euro, für diesen Preis wurde einer Erhebung des europäischen Forschungsprogramms ESPON zufolge zwischen März 2024 und 2025 im Durchschnitt eine 45 (!)-Quadratmeter-Wohnung in Heidelberg zur Miete angeboten. In Mannheim lag er bei 968, in Ludwigshafen waren es 841 Euro.
|
In einem bemerkenswerten Datenprojekt haben unsere Kolleg*innen von Correctiv Mieten und Kaufpreise aus knapp 100.000 EU-Städten und -Gemeinden zusammengetragen. Am Beispiel einer Pflegefachkraft zeigen sie, welchen Anteil ihres Gehalts sie wo fürs Wohnen ausgeben muss. Der Erhebung nach sind alle drei Großstädte der Region für eine Person mit Pflegefachkraft-Gehalt unbezahlbar.
|
|
Absolute Empfehlung des Datenprojekts mit interaktiver Karte: Erkundet unsere Region und eure Lieblingsorte in der EU.
|
|
|
|
|
|
|
|
Mannheim als "Leuchtturm für nachhaltiges Fliegen"? Davon hat Anne Jeschke bei ihrer Recherche am City Airport für bloq 4 wenig gespürt. Foto: Francesco Futter
|
|
|
|
Wie man seine Glaubwürdigkeit verspielt
Man wünscht, es wäre Satire: Ein grüner Stadtrat wirbt mit “Mobilität für alle” – und wird Geschäftsführer einer Airline, die ein paar wohlhabende Menschen aus der Region nach Sylt fliegt. Schamlos findet das Anne Jeschke.
|
In diesen Tagen starten die ersten Flüge der Saison vom Mannheimer City Airport nach Sylt. Und die Ende 2024 gegründete Fluggesellschaft, die Mannheim City Air, hat innerhalb weniger Monate nun bereits den dritten Geschäftsführer: den Mannheimer Stadtrat Chris Rihm, ausgerechnet Mitglied der Grünen. Eine Personalie, die selbst für die Südwest-Grünen schamlos ist.
|
Nun ist Baden-Württembergs Landesverband zwar bekannt für seinen pragmatischen Ansatz und stolz auf seine erfolgreiche Realo-Politik. “Wir können Auto”, hatte der wohl zukünftige Ministerpräsident Cem Özdemir im Wahlkampf gesagt. Sein Vorgänger, Winfried Kretschmann, setzte einiges daran, das Verbrenner-Aus zu verhindern. Aber es bräuchte schon viel Kaltschnäuzigkeit, Rihms neuen Posten als konsequente Fortsetzung der konservativen grünen Politik im Ländle zu verkaufen.
|
Nun geht es hier um Rihms Job und nicht um Kommunalpolitik. Aber wer glaubwürdig Politik machen will, der sollte dieselben Werte auch jenseits von Gemeinderatssitzungen vertreten. Zumal Rihm in den Stuttgarter Landtag einziehen wollte und sich im Wahlkampf auch für die Verkehrswende einsetzte: Er wolle, dass Bus, Bahn, Rad und Fußwege schneller, günstiger und verlässlicher würden. Er warb für sich ausgerechnet mit dem Slogan: “Mobilität für alle – klimafreundlich und bezahlbar”.
|
Nur knapp verfehlte Rihm den Einzug in den Landtag. Jetzt will er stattdessen die Geschäfte einer Kurzstrecken-Airline führen, die genau das Gegenteil bietet von “Mobilität für alle”: Im Wesentlichen fliegt sie ein paar wohlhabende Menschen vom Mannheimer Airport aus zu hohen Ticketpreisen nach Sylt, bald wohl auch wieder auf die italienische Insel Elba. Die Vorgänger-Airline hatte zuletzt außerdem noch Usedom im Programm.
|
|
Er habe kein Kerosin in den Adern, sagte Rihm dem “Mannheimer Morgen”. Er sehe die Mannheim City Air als einen “bundesweiten Leuchtturm für nachhaltiges Fliegen”. Das grenzt an Realiätsverweigerung. Kein Verkehrsmittel hinkt der Verkehrswende so hinterher wie das Flugzeug. Kein anderes Fortbewegungsmittel ist heute noch so abhängig von fossilen Brennstoffen. Der Anteil an nachhaltigen Flugkraftstoffen an EU-Flughäfen muss von gerade einmal zwei Prozent im vergangenen Jahr auf sechs Prozent bis 2030 steigen. Fürs selbe Jahr kündigt Rihm im “MM” schon den ersten Passagierverkehr mit Elektroantrieb von Mannheim aus an. Das ist entweder absurdes Wunschdenken. Oder böswilliges Greenwashing.
|
|
|
|
Noch mehr Lokaljournalismus!
|
…gibt es nur mit eurer Hilfe. Kauft unsere Hefte und erzählt anderen von uns. Wer uns darüber hinaus unterstützen möchte, kann uns eine Spende zukommen lassen. Als eingetragener Verein können wir auch Spendenquittungen ausstellen.
|
|
|
|
|
Entweder mit einer Überweisung
|
|
DE21 4306 0967 1043 2755 01
|
|
|
|
|
Entweder mit einer Überweisung
|
|
DE21 4306 0967 1043 2755 01
|
|
|
|
|
Wer eine Spendenquittung benötigt, sollte seine Adresse angeben oder eine kurze Mail an info@bloqmagazin.de schreiben.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|